Stricken

Inestäche, umeschloh, durezieh und abeloh

 

Stricken ist wieder im Trend – und längst nicht mehr nur Frauensache. Auf Instagram finden sich zum Stichwort #strickenmachtglücklich über 272 000 Beiträge. In Guerilla-Aktionen werden sogar Bäume, Verkehrstafeln und Laternenpfosten eingestrickt. Es soll ausserdem Körper und Geist entspannen und die Leistungsfähigkeit des Gehirns anregen.

Wenn das mal kein Grund ist, selbst zu Nadeln und Wolle zu greifen! «Inestäche, umeschloh, durezieh und abeloh» – das sollte doch eigentlich gar nicht so schwierig sein. Während der Schulzeit haben wir ja schliesslich in den Handarbeitsstunden fleissig geübt. Im Unterricht haben wir sogar Socken gestrickt und den komplizierten Fersenbereich (mithilfe unserer Handarbeitslehrerin) hingekriegt. Da ich das Stricken aber seit den 90er-Jahren leider ziemlich vernachlässigt habe, fange ich heute wieder bei null an. Mit dicker Wolle und der entsprechenden Nadelgrösse wage ich mich zuerst an etwas Einfaches – einen Schal für die kalte Jahreszeit.

Blauer Himmel, Sonnenschein und ein goldener Herbsttag. Das kommende Wochenende lädt zweifellos zu einem Ausflug ein. Frühmorgens gehts los: mit dem Voralpen-Express nach Luzern und abends wieder zurück. Dabei darf natürlich meine neu erworbene Strickausrüstung nicht fehlen.

Stricken bei traumhaftem Ausblick

Ich freue mich, dass meine heute gewählte Voralpen-Express-Strecke mit dem neuen Traverso-Zug gefahren wird. Auf Gleis 4 im Bahnhof St. Gallen wartet er bereits auf seine Abfahrt. Zwei Stunden und achtzehn Minuten habe ich Zeit, den mitgebrachten Knäuel Wolle zu einem Schal zu verarbeiten. Im Moment sind nur vereinzelt Leute unterwegs, deshalb kann ich mich mit meinem Rucksack gemütlich in einem grosszügigen und hellen Viererabteil in der Nähe des Bistros niederlassen. Einen Kaffee später und nach Abfahrt des Zuges beginne ich mit dem Maschenanschlag. Zum Glück gibts heutzutage Google, was mir beim Anfangen behilflich ist.  

Während der Voralpen-Express in Mogelsberg durchbraust, habe ich die erste Maschenreihe meines Schals fertig und bin jetzt schon «stolz wie Oskar», wenn ich das Ergebnis betrachte. Weiter gehts zur zweiten Reihe. Draussen scheint die Sonne in der Morgenlandschaft, und ich merke, wie mir das Stricken mit jeder Reihe mehr Spass macht. In Rapperswil habe ich bereits knapp 15 cm des Schals fertig. Langsam läufts richtig gut. Ich bin so auf meine Maschen konzentriert, dass ich zuerst gar nicht bemerke, wie sich in Rothenthurm eine ältere Dame – ebenfalls mit Stricknadeln – im Viererabteil neben mir niederlässt. Sie befindet sich im Gegensatz zu mir allerdings in der «Champions League» der Strickerinnen. Darauf angesprochen meint sie, dass sie jeweils für ihre Enkelkinder alles Mögliche strickte. Sie nimmt ihr Smartphone zur Hand und öffnet gekonnt den Bilderordner. Wow, die Strickkunst dieser Dame ist wirklich beeindruckend! Von Pullovern bis zu Babygiraffen ist alles dabei. Da bin ich mit meinem Schal noch weit davon entfernt.

«Meine Damen und Herren, wir treffen in Luzern ein …». Überrascht nehme ich zur Kenntnis, dass der Voralpen-Express bereits in Luzern einfährt. Fertig ist mein Schal noch nicht, aber ich freue mich über mein angefangenes, selbst gestricktes Werk. Zum Glück dauerts noch etwas, bis der Winter kommt. Und die Rückreise in die Ostschweiz mit dem Voralpen-Express steht ja heute Abend auch noch an. Aber zuerst geniesse ich Luzern und freue mich auf die Erkundung der Museggmauer und deren Türme.

Strickanleitung für Anfänger

Quelle: www.junghanswolle.ch

Aufgestrickter Maschenaufschlag (Abb. 1–3)

Die Grundlage einer Strickarbeit ist der Maschenanschlag. Der Anschlag wird mit 2 Nadeln vorgenommen. Für die 1. Masche wird eine Schlinge gebildet (Abb. 1). Dann führt man den vom Knäuel kommenden Faden über den kleinen Finger unter Ring- und Mittelfinger und über den Zeigefinger der linken Hand (Abb. 2).

Um den Zeigefinger kann der Faden wenn nötig noch ein zweites Mal geschlungen werden. Die Nadel mit der 1. Masche nimmt man in die linke Hand, mit der 2. Nadel sticht man von vorne nach hinten in die 1. Masche ein, holt den vom Zeigefinger kommenden Faden zur Schlinge nach vorne durch (Abb. 4 und 5) und hängt diese Schlinge auf die linke Nadel über, indem man mit der linken Nadel von vorne in die Schlinge einsticht (wie Pfeilrichtung auf Abb. 2 und 3). Dann zieht man den Faden an und hat damit eine Anschlagmasche gebildet. Alle weiteren Maschen arbeitet man in der gleichen Weise. Aus der zuletzt gebildeten Masche wird die neue Anschlagmasche aufgestrickt, bis die gewünschte Maschenzahl erreicht ist.

Rechte Maschen (Abb. 4 und 5)

Mit der rechten Nadel in die Maschen der linken Nadel von vorne nach hinten einstechen (Abb. 4), den Faden, der vom Zeigefinger kommt, um die rechte Nadel schlingen und durch die Masche nach vorne ziehen (Abb. 5). Erst wenn die neue Masche auf der rechten Nadel ist, die vorige Masche von der linken Nadel gleiten lassen. 

Linke Maschen (Abb. 6–10)

Der Faden wird vor die Arbeit gelegt, hinter dem Faden von rechts nach links in die Masche der linken Nadel einstechen (Abb. 6), den Faden von vorne nach hinten um die rechte Nadel schlingen (Abb. 7) und durch die Masche nach hinten ziehen (Abb. 8). Erst wenn die neue Masche auf der rechten Nadel ist, die vorige Masche von der linken Nadel gleiten lassen.

Wenn ein Strickteil auf der Vorderseite nur rechte Maschen zeigt (Abb.9), und auf der Rückseite sind nur linke Maschen zu sehen (Abb. 10), so ist das ein glatt rechtes bzw. auf der Rückseite ein glatt linkes Gestrick. Dafür müssen dann alle Hinreihen in rechten Maschen und alle Rückreihen in linken Maschen gestrickt werden.

Krausgestrick (Abb. 11)

Dazu werden in Hin- und Rückreihen fortlaufend rechte Maschen gestrickt (kraus rechts) oder fortlaufend linke Maschen (kraus links). Bei durchgehend krauser Arbeitsweise ergeben beide Strickarten das gleiche Maschenbild (Abb.11), aber bei bestimmten Mustern oder Farbfolgen kann in der Wirkung ein grundlegender Unterschied entstehen. Deshalb ist es ratsam, die Angaben, ob Krausmuster rechts oder links gearbeitet werden soll, immer genau einzuhalten.

Abketten der Maschen (Abb. 12–14)

Als Abschluss einer Strickarbeit werden die Maschen abgekettet. Je nach Strickweise (Muster) können die Maschen rechts (Abb. 12 und 13) oder links (Abb. 14) abgekettet werden.

Zu Beginn der Abkettreihe strickt man die beiden ersten Maschen wie üblich, dann hebt man mit der linken Nadel die 1. Masche über die 2. Masche ab (Abb.12), sodass nur noch die 2. Masche auf der rechten Nadel bleibt (Abb.13). Die nächste Masche stricken und wieder die 1. Masche über die 2. Masche hinweg abheben usw. Zum Schluss wird durch die letzte Masche der Abkettreihe der Faden gezogen. 

Text: Anne-Andrea Looser

Erlebt am: 19.10.2019