Zuggeflüster

Kürzlich im Voralpen-Express nach Luzern. Ein paar Sitze vor mir packen Fahrgäste gerade ihre Sandwiches aus, während eine Gruppe von Gymnasiasten in unseren Waggon einsteigt. Ihre prall gefüllten Rucksäcke schwingen sie gekonnt auf den Schoss und umschlingen diese mit ihren Armen. Ich sitze praktisch neben dem Eingang, irgendwie mittendrin in diesem Geschehen und doch nur als stiller Beobachter, der versucht die Ohren zu spitzen und einige Gesprächsfetzen mitzuhören.

Der Zug fährt mit mehr als hundert Sachen, und die Bäume nahe an den Gleisen flitzen an der Fensterscheibe vorbei. Die Berge in der Ferne bleiben behäbig am Horizont stehen. Eindrückliche Erhebungen, die das Bild vom Norden in den Süden prägen. Daneben grüne Landschaften, ein bisschen Wald. Das Toggenburg wirkt an diesem Tag wie das verschlafene Auenland aus «Lord of the Rings», geht es mir durch den Kopf.

«C’est jolie!», sagt plötzlich eine Stimme. Sie stammt von einer jungen Frau in modischen Kleidern. Es gab Tage, da war Französisch präsent, ja fast allgegenwärtig, auch bei uns. Doch heute ist das nicht mehr so. Leider, denke ich. Denn für mich ist die französische Sprache wie das Eintauchen in eine fremde Welt, in der alles glanzvoller und unbeschwerter ist.

Neben mir beginnt ein Paar soeben eine angeregte Diskussion über unser Schweizer Tenniswunder Roger Federer. «Roger hat verloren», meint der Herr, der wahrscheinlich um die 50 Jahre alt ist und einer etwas jüngeren Dame gegenübersitzt. Die Frau hält ein Buch in den Händen, dessen Titel ich jedoch nicht entziffern kann.

«Für mich bleibt er die Nummer eins», meint sie, hält ein UNO-Kartenspiel triumphierend hoch und winkt damit. «Spielen wir eine Runde?»

Während das Paar mit dem Kartenspiel beginnt, diskutiert die Gruppe der Gymnasiasten heftig darüber, wie viel mehr Sinn es ergibt, aktuelle Markenkleider im Ausland zu kaufen. Supreme, Louis Vuitton, Balenciaga. Ein Mädchen mit dunklem Teint ist davon wenig beeindruckt und würde lieber wissen, wie das mit dem doppelten Kompensieren von Noten genau funktioniert.

Für die Schülerinnen und Schüler hat gerade erst ein neues Schuljahr angefangen. Lehrlinge starten in ihr erstes Ausbildungsjahr. Auch wenn das Wetter nicht nach Aufbruchstimmung aussieht, für viele bedeuten die kommenden Monate eine neue und aufregende Zeit. Die Leichtigkeit des Sommers weicht der Ernsthaftigkeit des Herbstes.

Es scheint, als ob für die Gruppe von Schülern alles noch ein Spiel ist. Eine freudvolle Reise. In Wattwil verlassen sie den Zug: witzelnd, tratschend und kichernd.

Neben Schülern und Touristen, die mit dem Zug durch die Schweiz reisen, sind auch Pendlerinnen und Pendler auf den Voralpen-Express angewiesen – wie die junge Frau, die die Beine übereinandergeschlagen im Viererabteil gleich neben der Tür sitzt, ihr Mobiltelefon gegen die Wange drückt und mit einem Auge die Handtasche im Blick hält, die vor ihr jeden Moment umzukippen droht.

Sie hängt schon eine ganze Weile an ihrem Smartphone und erzählt, wie anstrengend die Arbeit in der tiermedizinischen Praxis sei, und ausgerechnet sie übernehme so viele Abend- und Wochenendschichten. Wie aus einem Wasserfall sprudelt es aus ihr heraus. Am anderen Ende des Telefons hört jemand nur zu und kommt offenbar kaum zu Wort. Der Gesprächspartner denkt sich vielleicht: «Wie kann ich sie nur stoppen?»

Der Zug fährt im Bahnhof Rapperswil ein, wo die Quasselstrippe aussteigt. Ein Blick auf ihre linke Wade zeigt ein Spinnennetz-Tattoo. Mir kommt in den Sinn, dass unter ehemaligen Häftlingen die Anzahl der Verästelungen vom Zentrum ausgehend die Jahre repräsentiert, die sie gesessen haben. Ob die Frau aus dem Knast kommt?

Als der Voralpen-Express im Bahnhof Luzern einfährt, erhebt sich das Paar, das während der ganzen Fahrt UNO gespielt hat. «Novak Djoković!», ruft der Herr erfreut. Und während die beiden vergnügt aus dem Zug steigen, erklärt er weiter: «Er löst Roger Federer ab.

Auch meine Reise endet in Luzern. In einigen Minuten macht sich der Zug auf den Rückweg nach St.Gallen. Auf dem Perron stehen Touristen bereit zum Einsteigen. «Die Bilder bei der Kapellbrücke sind sowas von schön», sagt eine ältere Dame, die in der einen Hand ihre Brille hält und mit der anderen in der Handtasche nach einem Taschentuch nestelt. «Ja das stimmt, aber mir haben die Gemälde von William Turner im Kultur- und Kongresszentrum besser gefallen», kontert die Frau daneben. «Die Tiefe und das Licht, die er mit dem Pinsel eingefangen hat, sind schon speziell.» Während sie die Kapellbrücke und die aktuelle Ausstellung im KKL gegeneinander abwägen, steigen sie zusammen mit den anderen Touristen in den Voralpen-Express. Und das Zuggeflüster beginnt von neuem.